Archiv für Oktober 2008

Das Spiel der Grenzen und der Überschreitung

Michel Foucault über Grenzen
„Die Überschreitung ist eine Geste, die die Grenze betrifft; dort, in dieser Schmalheit der Linie, zeigt sie sich blitzartig als Übergang, vielleicht aber auch in ihrem gesamten Verlauf und sogar in ihrem Ursprung. Die Strichlinie, die sie kreuzt, könnte durchaus ihr ganzer Raum sein. Das Spiel der Grenzen und der Überschreitung scheint von einer schlichten Beharrlichkeit beherrscht: Die Überschreitung durchbricht eine Linie und setzt unaufhörlich aufs Neue an, eine Linie zu durchbrechen, die sich hinter ihr sogleich wieder in einer Welle verschließt, die kaum eine Erinnerung zulässt und dann von neuem zurückweicht bis an den Horizont des Unüberschreitbaren. Doch bringt dieses Spiel weit mehr in Spiel als diese Elemente; es versetzt sie in eine Ungewissheit, in Gewissheiten, die sogleich verkehrt werden, wo das Denken rasch Schwierigkeiten bekommt, wenn es sie fassen will.
Die Grenze und die Überschreitung verdanken einander die Dichte ihres Seins: Eine Grenze, die absolut nicht überquert werden könnte, wäre inexistent; umgekehrt wäre eine Überschreitung, die nur eine scheinbare oder schattenhafte Grenze durchbrechen würde, nichtig. Doch existiert die Grenze überhaupt ohne die Geste, die sie stolz durchquert und leugnet? …“

Vollständiges Zitat auf: Foucault & Co

Performing Post/Trans/Techno/Queer:

Pluralisierung als Selbst- und Machttechnologie | Jutta Weber | 2004

Was bedeutet die Pluralisierung von geschlechtlichen und sexuellen Subjektivierungs-formen zum Zeitpunkt neoliberaler Umstrukturierungen? Worin liegt das neue – und doch aus der Philosophie altbekannte – Versprechen der Überschreitung, Verunein-deutigung oder Vervielfältigung von Kategorien im Fall der Kategorie Geschlecht und des sexuellen Begehrens? Wie ist die Veruneindeutigung von Geschlecht und sexuellen Identitäten mit Entwicklungen im Bereich der medizinischen, der Bio- und Informationstechnologien verknüpft? Warum wird Performanz von Geschlecht bzw. generell von Identität so ein wichtiger Topos am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Der folgende Beitrag versteht sich als ein erster Versuch über queer und transgender als gesellschaftliche Subjektivierungsweisen auch an der Schnittstelle von Performanz und Sozialem, im Kontext von Neoliberalismus und neuen Technologien nachzudenken.
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Heute ist post- und transgender in aller Munde. Cyborgs, queers und post-/trans- und intersexes gelten zumindest in der theoretischen Debatte als Vorreiter alternativer Lebensmöglichkeiten und sind häufig in Befreiungsvisionen und -mythologien ein-gebunden. Anatomie scheint nicht mehr Schicksal zu sein – auf jeden Fall erscheint sie nun vielfältiger als zuvor. Mehrheitlich gilt die Geschlechterdifferenz als sozial und kulturell konstituiert und der Hegemonie der Heteronormativität geschuldet. Feministi-sche wie Queer Theory träumen davon, (Geschlechts-)Identäten, sexuelle Orientierungen und damit verbundene Subjektivierungsformen, die zutiefst in Machtstrukturen verankert sind, zu verqueren und zu unterwandern.1 Doch was bedeutet es, wenn Sub-jektivierungsformen, Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierung als eine Frage der Wahl bzw. als mach- und modellierbar erscheinen?
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Erschienen in:
Caroline Rosenthal / Therese Frey Steffen / Anke Vaeth (Hg.):
Gender Studies: Standorte – Zukunftsräume. Königshausen & Neumann 2004, S. 111-121

Den kompletten Text gibt es hier als pdf :
Jutta Weber: Performing Queer